Albrecht Lohrbächer spricht am Hebel-Gymnasium über die Geschichte der Schwetzinger Juden.
Man hätte auch nach 90 Minuten noch eine Stecknadel fallenhören können, und dabei war das Thema des Vortrags alles andere als ein leichtes. Albrecht Lohrbächer, der in den 1970er Jahren als junger Religionslehrer am Hebel-Gymnasium Geschichte der Schwetzinger Juden aufgearbeitet und Kontakt zu den Überlebenden des Holocaust geknüpft hatte, berichtete den kurz vor ihrem Schulabschluss stehendenAbiturientinnen und Abiturienten.
Der Vortrag handelte von Lohrbächers damaligen Arbeiten, aber auch den vielen Begegnungen und daraus entstandenen Freundschaften und seinem daraus erwachsenen Engagement für die Aussöhnung mit Israel. Schulleiter Stefan Ade bezeichnete es als eine Ehreund Freude, dass Albrecht Lohrbächer den Weg zu seiner alten Wirkungsstätte gefunden hatte.
„Alles begann mit der Lektüre von ‚Damals war es Friedrich‘, das in der NS-Zeit spielt“, so Lohrbächer. „Wir wollten nach der Lektüre des Jugendbuchs wissen, wie das in Schwetzingen war.“ Anfangs seien die Siebtklässler und er bei ihrer Spurensuche nicht gut vorangekommen. Doch dann wurden sie doch noch fündig: Nach und nach fanden sich die Überlebenden des Holocaust aus Schwetzingen. Sie lebten inzwischen in den USA, Israel, Japan, Frankreich, Schweizoder Belgien. „Anfänglich stießen wir auf viel Zurückhaltung und Skepsis“, beschrieb Lohrbächer die ersten Reaktionen der Angeschriebenen. Am Ende der dreijährigen Bemühungen hätten ein Mahnmal, eine Gedenkfeier und ein Buch der Erinnerung gestanden. Und fünf Überlebende des Holocaustkamen zur Gedenkfeier, die auch Herrn LohrbächersSchülerinnen und Schüler mitgestalteten.
Nicht minder beeindruckend war auch die Zeitreise, die Albrecht Lohrbächer mit den diesjährigen Abiturientinnen und Abiturienten auf der Grundlage seiner damaligen Forschungenunternahm. Von der ersten Erwähnung eines schutzgeldpflichtigen Juden in Schwetzingen im Jahr 1700 bis zur gesellschaftlichen Integration der Jüdinnen und Judenvergingen über hundert Jahre. Dass Letzteres nun gelang, war vor allem der freien Berufswahl zu verdanken, die nun auch für Juden galt. Aber auch die Mitgliedschaft in den neugegründeten Fußballvereinen sei ein wichtiger Integrationsfaktor gewesen, so Lohrbächer unter Bezugnahmeauf eine jüngere Studie.
Mit den Hep-Hep-Unruhen im Jahr 1919 kamen wie in allen badischen Städten erste antisemitische Aktionen auf. Später sprach der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ von Antisemitismus als „heiliger Notwehr“. Unter den Nationalsozialisten erhielten Propaganda und Gewalttaten gegen Juden auch in Schwetzingen eine neue Dimension. Gezielt wurden Jüdinnen und Juden in ihrer Heimatgemeindeim öffentlich ausgehängten NS-Parteiorgan „Der Stürmer“ verunglimpft. Spätestens die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 veranlassten die allermeisten noch in Schwetzingen lebenden Jüdinnen und Juden zur Flucht. Hatten bei der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 noch 39 von ihnen in Schwetzingen gelebt, so waren es nach Kriegsausbruch im Jahr nur noch fünf. Sie wurden insInternierungslager Gurs in Frankreich deportiert und später ermordet.
Die Kontakte zu den Schwetzinger Überlebenden des Holocaust hat Albrecht Lohrbächer über die Jahre hinweg gehalten. Ob sie überlegt hätten, nach Schwetzingen zurückzukehren, wollte ein Schüler wissen. Es sei nicht leicht gewesen, mit ihnen darüber zu sprechen, bemerkte AlbrechtLohrbächer hierzu. Ganz generell sei eine Rückkehr in die alte Heimat für die allermeisten Überlebenden des Holocaustjedoch undenkbar gewesen. Weiter berichtete Lohrbächer: „Die erste Generation ist bereits verstorben. Deshalb pflegen wir heute einen nicht minder herzlichen Austausch mit der zweiten und dritten Generation.“ Seit seiner Schwetzinger Zeit engagiert sich der Pfarrer und spätere Schuldekan für die Aussöhnung mit Israel. In seiner Heimatstadt Weinheim hat er eine Partnerschaft einschließlich Schüleraustausch mit dem israelischen Ramat Gan aufgebaut. Die in der Nähe von Tel Aviv gelegene Stadt ernannte ihn dafür im Jahr 2017 zumEhrenbürger.
Erst kurz vor dem Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern in Schwetzingen war er von einer Israel-Reise zurückgekehrt, auf der er auch Nachfahren der Schwetzinger Jüdinnen und Juden getroffen hatte. Was Kritik an der aktuellen RegierungIsraels angeht, machte Lohrbächer deutlich, dass es gerade in der israelischen Bevölkerung selbst eine starke Protestbewegung gebe, die mit einem sehr langen Atem und mit einigem Erfolg die Regierung Netanjahu für ihren Versuchkritisiere, die Gewaltenteilung abzubauen, und die sich gegen die Einführung strengerer religiöser Regeln im Alltag wende.Wissen müsse man aber auch, dass in Israel in erster Linie die offene Bedrohung durch die Nuklearmacht Iran als existenzielle Bedrohung wahrgenommen werde. Aber auch der weltweit zunehmende Antisemitismus verstärke das Bedürfnis nach Sicherheit. „Wenn wir im Interesse des Friedens Israelis sowie Jüdinnen und Juden weltweit verstehen wollen, sind die Kenntnis und das Verständnis ihrer Geschichte unerlässlich“, so Lohrbächer. Der in Weinheim lebende Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer Harald Paulsen, der Albrecht Lohrbächer vor zwei Jahren kennengelernt und die Veranstaltung moderiert hatte, überreichte dem ehemaligen Kollegen zum Dank einen Gutschein für einen Kaffeebesuch im SchwetzingerTraditionscafé Leisinger.
Harald Paulsen


